Wie wird Südtirol von außen gesehen? Und welches sind die Herausforderung für die Zukunft des Landes? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des Diskussionsabends „Südtirol im Dialog – Perspektiven von außen“ am 17. April 2026 im Plenarsaal des Südtiroler Landtages: die Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn, Evelyn Palla, der Journalist, Buchautor und Dozent für investigativen Journalismus Alessio Lasta, der Außenpolitikexperte und Redakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“ Ulrich Ladurner sowie der ZDF-Moderator, Autor und Podcaster Markus Lanz – v ier Südtiroler Persönlichkeiten mit internationalen Karrieren diskutierten offen über Chancen, Risiken und unbequeme Wahrheiten.
Landtagspräsident Arnold Schuler machte gleich klar, worum es ging: Wer Zukunft gestalten will, darf nicht nur auf sich selbst schauen. Der Blick von außen helfe, blinde Flecken zu erkennen. Auch Landeshauptmann Arno Kompatscher betonte, dass Südtirol zwar eine hohe Lebensqualität habe, aber vor großen Herausforderungen stehe – etwa durch Migration, Klimawandel, Vertrauensverlust in Politik und einen geschwächten gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Wohlstand reicht nicht für alles
Journalist Ulrich Ladurner und Moderator Markus Lanz waren sich einig: Geld allein löst keine Probleme. Südtirol sei in vielen Bereichen Opfer des eigenen Erfolgs geworden – besonders im Tourismus. Lanz stellte kritisch fest, dass immer mehr Menschen das Gefühl hätten, ihr Land sei „nur noch für Touristen“ da. Dabei gehe es nicht nur um Wirtschaft, sondern um Identität und Lebensraum, in dem man mit übermäßig hohen Lebenshaltungskosten kämpfen muss.
Deutlich wurde das am Beispiel Skitourismus: Ladurner sagte offen, dass die Skiindustrie im Alpenraum keine langfristige Zukunft habe – unter anderem wegen des Klimawandels. Lanz warnte jedoch davor, die Transformation überstürzt anzugehen: Diese sei nötig, aber sie müsse klug und sozial verträglich gestaltet werden.
Handwerk statt KI-Angst
Ein starkes Signal kam in Richtung junger Menschen: Künstliche Intelligenz werde viele Jobs verändern – aber nicht alle. Lanz betonte, dass gerade das Handwerk enorme Zukunftschancen habe. Das sei kein Berufsfeld von gestern, sondern eines, in dem Menschen aus Südtirol besonders stark seien. Kreativität, Praxisnähe und Können lassen sich nicht einfach durch KI ersetzen.
Migration: Realität statt Angst
Migration war eines der meistdiskutierten Themen. Alessio Lasta erinnerte daran, dass Einwanderung in Südtirol längst Alltag sei – Migrantinnen und Migranten bilden bereits die „drittgrößte Sprachgruppe“ im Land. Politik dürfe Migration nicht mit Angst oder starren Systemen begegnen, sondern müsse sie aktiv gestalten. Lanz ergänzte: Südtirol brauche Zuwanderung, auch für den Tourismus – und sei keine herzlose Gesellschaft.
Ziele verfolgen – aber flexibel bleiben
Einen Einblick in Führungsentscheidungen gab Evelyn Palla, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn. Sie erklärte, wie wichtig es sei, Ziele konsequent zu verfolgen – auch wenn der Weg schwierig sei. Gleichzeitig müsse man den Mut haben, nachzujustieren, wenn sich Rahmenbedingungen ändern. Dieser Gedanke gelte für Unternehmen genauso wie für Politik.
Oder wie Ulrich Ladurner es formulierte: Politik dürfe keine Angst haben – weder vor den zu lösenden Problemen noch vor den Wählern. Politik müsse mutig sein und Transformation vorantreiben.
Man stehe in Südtirol nicht vor unlösbaren Problemen, betonte DB-Chefin Evelyn Palla: Sie habe volles Vertrauen in die Landesregierung. Sie würde sich auch nicht anmaßen von außen Ratschläge zur Problemlösung zu geben. Auch bei der Deutschen Bahn würden die Probleme dort gelöst, wo sie anfallen.
Garantien für Jugendliche und junge Erwachsene
Am Ende blieben mehrere Botschaften hängen: Südtirol steht an einem Wendepunkt und die Zukunft entscheidet sich nicht daran, wie erfolgreich die Vergangenheit war – sondern daran, ob Politik und Gesellschaft den Mut haben, sich weiterzuentwickeln. Gerade junge Menschen, die im Land bleiben, spielen dabei eine zentrale Rolle. Denn ihre Fragen, Ideen und ihr Engagement bestimmen, wie Südtirol morgen aussieht. Es müssen ihnen aber auch die Chancen des Landes aufgezeigt werden, indem für bezahlbaren Wohnraum und interessante Arbeitsplätze gesorgt wird. Rechnung getragen werden muss ebenso ihren Forderungen nach Klimaschutz und Work-Life-Balance.
Rai Südtirol hat die Podiumsdiskussion aufgezeichnet; die Aufzeichnung ist auf dem YouTube-Kanal des Südtiroler Landtages abrufbar.
