Warum Sexualerziehung im Landtag für Diskussionen sorgte

von Redaktion Redazione

Ein neues Gesetz aus Rom erschwert die emotionale und sexuelle Bildung an Schulen. Im Landtag haben die Abgeordneten kürzlich darüber diskutiert, ob das Thema in Südtirol weiterhin Pflicht bleiben soll. Im Mittelpunkt standen Kinderschutz, Missbrauchs- und Gewaltprävention und die Rolle der Eltern.

Anfang Juni wurde vom Senat in Rom das Gesetz DDL n. 1735/2026 verabschiedet: Dieses Gesetz des Unterrichtsministers Giuseppe Valditara sieht ein Verbot der sexuellen und emotionalen Bildung in Kindergarten und Grundschule vor und macht entsprechende Angebote in Mittel- und Oberschulen von der vorherigen schriftlichen Einwilligung der Eltern abhängig.

Viele Eltern oder Erziehungsberechtigte wollen oder können die emotionale oder sexuelle Bildung ihrer Kinder jedoch nicht selbst übernehmen. Und viele Kinder und Jugendliche möchten mit ihren Eltern auch nicht über diese Themen sprechen.

Wenn dieser wichtige Aspekt der Bildung künftig in der Schule also nicht mehr abgedeckt wird, wie können Kinder und Jugendliche dann lernen, Grenzen zu setzen, Gefühle einzuordnen und sich vor Gewalt oder Missbrauch zu schützen? Mit dieser Frage beschäftigte sich der Südtiroler Landtag in seiner Sitzung Ende Juni/Anfang Juli 2026, weil die Grüne Fraktion den Beschlussantrag Grundlegendes Mittel der Gewaltprävention: Emotionale und sexuelle Bildung vorgelegt hatte. Ein Beschlussantrag ist ein politischer Akt, mit dem die Landesregierung aufgefordert wird, in einer bestimmten Art und Weise tätig zu werden.

Mit dem Antrag der Grünen wurde die Landesregierung aufgefordert, emotionale und sexuelle Bildung als festen Bestandteil des Unterrichts zu sichern und dem Landtag innerhalb von sechs Monaten zu berichten, welche Auswirkungen das neue italienische Gesetz auf Südtirols Schulen hat.

Die Debatte im Landtag

Bei der Präsentation des Antrages im Plenum hob Brigitte Foppa (Grüne Fraktion), Erstunterzeichnerin des Beschlussantrags, hervor, dass umfassende Sexualerziehung eines der wichtigsten Mittel sei, um sexuelle Gewalt und Missbrauch zu verhindern. Kinder sollten altersgerecht lernen, über Gefühle, Respekt, Grenzen und den eigenen Körper zu sprechen. Auch die zwei Mitunterzeichnenden des Antrags, Madeleine Rohrer und Zeno Oberkofler (beide von der Grünen Fraktion) betonten in der Debatte, dass emotionale und sexuelle Bildung Kinder stärke und ihnen helfen könne, Missbrauch zu erkennen und darüber zu sprechen.

Unterstützung dazu kam von mehreren Landtagsabgeordneten aus unterschiedlichen Fraktionen. Waltraud Deeg (SVP), Franz Ploner und Alex Ploner (beide Team K), Rosmarie Pamer (SVP), Andreas Leiter Reber (Freie Fraktion) sowie Philipp Achammer, Landesrat für deutsche Bildung, waren sich einig: Gute Sexualerziehung sei Prävention, schütze Kinder und ergänze die Erziehungsarbeit der Familien. Mehrere Rednerinnen und Redner wiesen außerdem darauf hin, dass sich viele Eltern Unterstützung von der Schule wünschen.

Nicht nur Zustimmung

Es gab aber ebenso kritische Stimmen. So unterstützte Sven Knoll (Süd-Tiroler Freiheit) zwar den Gedanken der Gewaltprävention, hatte aber Vorbehalte gegenüber Teilen der emotionalen und sexuellen Bildung und schlug deshalb vor, einzelne Punkte getrennt abzustimmen. Er verwies auf Diskussionen über Inhalte des Unterrichts in anderen Ländern.

Anna Scarafoni und der Landesrat für die italienische Bildung, Marco Galateo, (beide Fratelli d’Italia) verteidigten das neue Gesetz der italienischen Regierung. Sie unterstrichen, dass Respekt und Empathie weiterhin vermittelt würden und Eltern bei sensiblen Themen mitentscheiden sollten. Scarafoni kritisierte zudem ein von Foppa gepostetes Video und bezeichnete es als Angriff auf die traditionelle Familie.

Auch Christian Bianchi (Forza Italia/Uniti per l’Alto Adige) sprach sich für eine stärkere Einbindung der Eltern aus und erklärte, dass ihn aber das von Scarafoni angesprochene Video von Antrags-Erstunterzeichnerin Foppa in den sozialen Medien dazu bewogen habe, den Antrag abzulehnen.

Renate Holzeisen (Vita) sprach von ihrer zwiegespaltenen Haltung zum Antrag: Sie sei sowohl für Transparenz gegenüber den Eltern als auch für emotionale und sexuelle Bildung, in der sehr wichtige Themen vermittelt würden.

Jürgen Wirth Anderlan (JWA Wirth Anderlan) sah im neuen staatlichen Gesetz hingegen kein Problem und begrüßte die stärkere Rolle der Eltern.

Landesregierung soll für verpflichtenden Sexualunterricht sorgen

Bildungslandesrat Achammer bezeichnete das staatliche Gesetz in seiner Replik als Fehler und warnte davor, Kinder mit dem Thema allein zu lassen. Wer keine seriöse Aufklärung in der Schule erhalte, suche Informationen oft im Internet – dort seien Falschinformationen leicht zugänglich und es würden Bilder vermittelt, die weit an der Realität vorbeigingen.

Brigitte Foppa bekräftigte in ihrer abschließenden Stellungnahme indes, dass es ihr mit dem Beschlussantrag darum gehe, Kinder zu stärken und ihnen zu vermitteln, dass sie selbst über ihren Körper bestimmen dürfen. Gerade deshalb brauche es Sexualerziehung in der Schule.

Am Ende folgte die Mehrheit des Landtags diesem Argument: Der Beschlussantrag wurde mehrheitlich angenommen. Nun muss die Landesregierung prüfen, wie emotionale und sexuelle Bildung trotz der neuen staatlichen Vorgaben weiterhin an Südtirols Schulen gesichert werden kann.