Ein Studium außerhalb Südtirols, der erste Job in einer Großstadt, bessere Bezahlung und neue Chancen – für viele junge Südtirolerinnen und Südtiroler ist der Weg nach Österreich, Deutschland, in die Schweiz oder andere italienische Regionen naheliegend.
Doch was für den Einzelnen spannend und bereichernd ist, wird für das Land zunehmend zur Herausforderung. Diesem Phänomen – genannt Brain Drain – soll nun verstärkt gegengesteuert werden: Der Südtiroler Landtag hat in seiner Jänner-Sitzungsfolge 2026 den Beschlussantrag Nr. 357/25 Maßnahmen zur Fachkräftebindung und -rückgewinnung (Brain Gain) in Südtirol (SVP/La Civica/PD – Demokratische Partei) mit 29 Ja-Stimmen und 2 Enthaltungen angenommen.
Dass das notwendig ist, ist aus den Zahlen klar ersichtlich: Wie im Beschlussantrag (mit einem solchen wird die Landesregierung mit bestimmten Aufgaben beauftragt) angeführt, ziehen jährlich fast 1.500 Menschen zwischen 20 und 49 Jahren in die sogenannten DACH-Länder, dazu kommen rund 1.000 Abwanderungen Richtung restliches Italien. Innerhalb weniger Jahre sind diese Zahlen stark gestiegen. Hauptgründe für die Abwanderung sind attraktivere Jobs, bessere Karrierechancen und höhere Gehälter. Das führt dazu, dass in Südtirol in vielen Bereichen qualifizierte Arbeitskräfte fehlen – nicht nur Akademikerinnen und Akademiker, sondern ebenso nicht akademische Fachkräfte.
Der vom Landtag angenommene Antrag sieht deshalb nun vor, dass eine landesweite und bereichsübergreifende Fachkräfte- und Brain-Gain-Strategie entwickelt wird. Ziel ist es, Fachkräfte nicht nur im Land zu halten, sondern auch ausgewanderte zurückzuholen und neue zu gewinnen. Geplant ist dazu unter anderem eine eigene Koordinationsstelle, die Maßnahmen in den Bereichen Arbeit, Wirtschaft, Bildung, Wohnen, Mobilität, Familie und Forschung aufeinander abstimmt.
Im Rahmen der Fachkräfte- und Brain-Gain-Strategie sollen aber nicht nur außerhalb der Landesgrenzen Maßnahmen gesetzt werden, auch die verstärkte Aktivierung bereits in Südtirol wohnhafter Personen, die derzeit nicht arbeiten, ist geplant – von Menschen aus der sogenannten „stillen Reserve“, NEETs (junge Menschen ohne Arbeit oder Ausbildung), Pensionierten oder Jugendlichen durch den Ausbau der dualen Ausbildung.
Was sagen die Landtagsabgeordneten?
Harald Stauder (SVP), Erstunterzeichner des Beschlussantrags, verwies in der Debatte zum Beschlussantrag im Landtag auf Projekte wie den NOI Techpark in Bozen und Bruneck: Dabei handle es sich um bereits bestehende zentrale Innovationsstrukturen, die künftig strategisch genutzt und weiterentwickelt werden müssten.
Andere Landtagsabgeordnete haben auf soziale und gesellschaftliche Aspekte hingewiesen. So hob Brigitte Foppa (Grüne) hervor, dass besonders junge Frauen häufig im Ausland bleiben und andere Gründe für eine Rückkehr haben als Männer. Diese Unterschiede müssten in der Strategie berücksichtigt werden.
Jürgen Wirth Anderlan (JWA Wirth Anderlan) merkte an, dass man sich zu Recht über den Verlust der Südtiroler Fachkräfte beschwere und alles dafür tun wolle, um diese zurückzuholen, doch anderen Ländern Arbeitskräfte abzuwerben, sei nicht der richtige Weg.
Paul Köllensperger (Team K) erinnerte an den Wert von Auslandserfahrungen und kritisierte das Missverhältnis zwischen Einkommen und hohen Wohnungspreisen in Südtirol. Ohne leistbaren Wohnraum werde es schwer, Rückkehr attraktiv zu machen.
Sven Knoll (Süd-Tiroler Freiheit) unterstrich, dass es das Ergebnis der Politik der SVP in der Vergangenheit sei, dass junge Leute nicht mehr nach Südtirol zurückkehrten.
Magdalena Amhof, Landesrätin für Europa, Arbeit und Personal, betonte, dass es konkrete Taten brauche: gute Arbeitsplätze, leistbares Wohnen, ein starkes Ausbildungsangebot und klare Verantwortlichkeiten. Andere Länder arbeiteten bereits aktiv daran, ihre Talente zurückzuholen. Südtirol wolle nun nachziehen – auch, um Innovationskraft und Wirtschaft langfristig zu sichern.
Wenn Südtirol künftig auch eine landesweite und bereichsübergreifende Fachkräfte- und Brain-Gain-Strategie haben wird, ist dennoch klar: Nicht alle werden zurückkommen, wie auch in der Debatte angemerkt wurde. U.a. auch weil es Ausbildungen und Spezialisierungen gibt, für die es Südtirol keine Arbeitsmöglichkeiten gibt. Doch die Politik möchte Brain Drain bremsen und Brain Gain möglich machen – für die Zukunft Südtirols.