Im Südtiroler Landtag wurde in der Februar-Sitzungsfolge 2026 intensiv über die Zukunft der Schule diskutiert. Konkret ging es um den Landesgesetzentwurf Mehrsprachige Schule als Zusatzangebot, den die Grüne Fraktion vorgelegt hatte.
Die Idee: Neben der bestehenden deutschen und italienischen Schule soll es – freiwillig – ein mehrsprachiges Modell geben. Grundlage ist das EU-Ziel „Muttersprache + 2“, das 2002 beim Gipfel in Barcelona beschlossen wurde: Alle Kinder sollen neben ihrer Muttersprache bereits im frühen Alter mindestens zwei Fremdsprachen lernen.
Was sagen die Landtagsabgeordneten?
Brigitte Foppa (Grüne), Erstunterzeichnerin des Gesetzentwurfs, erklärte bei der Präsentation desselben, dass sich laut Umfragen viele Eltern ein mehrsprachiges Schulangebot wünschen: Laut dem Landesinstitut für Statistik Astat sind 75 Prozent der Eltern für zweisprachige Angebote im Vorschulalter, 69 Prozent dafür, dass einzelne Fächer in der jeweils anderen Landessprache unterrichtet werden. In Ladinien gibt es bereits ein dreisprachiges Modell – mit guten Ergebnissen. Wichtig sei: Das neue Modell soll ein Zusatzangebot sein. Der muttersprachliche Unterricht nach Artikel 19 des Autonomiestatuts bleibe unangetastet. Bei mindestens 14 Einschreibungen im Kindergarten bzw. 15 in Grund-, Mittel- oder Oberschule könnte eine mehrsprachige Klasse starten.
Madeleine Rohrer (Grüne), Mitunterzeichnerin des Gesetzesvorschlags, betonte die Wahlfreiheit: Man könne zwischen deutscher und italienischer Schule wählen – aber keine zweisprachige Schule besuchen. Das wolle man ändern. Niemandem werde etwas weggenommen.
Zeno Oberkofler (Grüne), Mitunterzeichner des LGE, erzählte, er sei selbst zweisprachig aufgewachsen. Das habe ihm viele Chancen eröffnet. Eine mehrsprachige Schule als Zusatzangebot nehme niemandem Rechte, sondern eröffne Möglichkeiten und helfe, „Mauern in den Köpfen“ zu überwinden.
Zustimmung und Unterstützung
Sandro Repetto (PD – Demokratische Partei) sprach von wachsender Nachfrage nach zweisprachigen Angeboten – auch in Dörfern. Qualität und Inklusion seien entscheidend. Ein zertifizierter mehrsprachiger Bildungsweg könne Druck von Schulen und Lehrkräften nehmen.
Renate Holzeisen (Vita) unterstützte den Vorschlag. Als Mutter wisse sie, wie wertvoll frühes Sprachenlernen sei. Da es freiwillig sei, sehe sie keine Gefahr, sondern eine Chance.
Auch Landesrat Christian Bianchi meinte, man müsse etwas tun: Nach 13 Schuljahren seien die Sprachkenntnisse oft unzureichend. Für die Zukunft junger Menschen brauche es bessere Lösungen.
Klare Ablehnung von anderen Fraktionen
Waltraud Deeg (SVP) erinnerte daran, dass der muttersprachliche Unterricht ein Grundpfeiler der Autonomie und des Minderheitenschutzes in Südtirol sei. Artikel 19 sei kein Hindernis, sondern Schutz. Man könne auch im bestehenden System den Zweitsprachenunterricht verbessern.
Sehr kritisch gegenüber dem Gesetzesvorschlag äußerten sich mehrere Abgeordnete der Süd-Tiroler Freiheit: Hannes Rabensteiner sprach von der Sprache als „Seele eines Volkes“. Der Dialekt sei die eigentliche Muttersprache. Er warnte vor „Experimenten“ und davor, dass ein freiwilliges Modell später verpflichtend werden könnte. Bernhard Zimmerhofer verwies ebenfalls auf Artikel 19 und warnte mit Blick auf andere Regionen – etwa dem Aostatal – vor einem Verlust der Muttersprache. Myriam Atz betonte, Deutschstunden seien bereits reduziert worden. Am hart erkämpften Recht auf muttersprachlichen Unterricht dürfe nicht „gesägt“ werden. Und Sven Knoll, Fraktionssprecher der Süd-Tiroler Freiheit, warnte schließlich vor einer Schwächung der deutschen Schule. Das bestehende Modell werde weltweit geschätzt. Mehrsprachigkeit ja – aber nicht auf Kosten der deutschen Schule.
Jürgen Wirth Anderlan (JWA Wirth Anderlan) lehnte den Entwurf ebenfalls ab. Er befürchtet eine Auflösung des Identitätsbewusstseins.
Landesrätin Ulli Mair erklärte, es dürfe im Bereich der deutschen Schule keine Experimente geben, dies sei ein wesentlicher Grundsatz, den ihre Partei – Die Freiheitlichen – ins Koalitionsprogramm schreiben lassen hätten. Auch die Grünen müssten den zentralen Wert der deutschen Schule für die deutsche Minderheit im Land endlich anerkennen.
Damit wurde die Debatte – vorläufig – geschossen, da die Zeit der Opposition zu Ende war. Wann der Landesgesetzentwurf „Mehrsprachige Schule als Zusatzangebot“ vom Landtag weiter behandelt und vor allem auch über den Vorschlag abgestimmt wird, steht noch nicht fest.
Doch die Debatte in der Februar-Sitzung 2026 des Südtiroler Landtages hat bereits gezeigt: Fast alle wollen, dass junge Menschen mehrere Sprachen gut beherrschen. Doch der Weg dorthin wird sehr unterschiedlich gesehen. Zwischen Schutz der Identität und neuen Bildungsmodellen bleibt die Frage offen: Soll es in Südtirol künftig mehrsprachige Schulen geben?